Mia und die BIA-Waage
- Nadia Mullis
- 3. Sept. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Neulich kontaktierte mich eine Kollegin aus Teenagerzeiten. Wir nennen sie hier Mia. Mia und ich haben uns seit Jahren aus den Augen verloren – ihre Kontaktaufnahme hat mich zugleich verwundert und gefreut. Wir verabredeten uns auf einen Kaffee bei mir zu Hause.
Wie sich schnell zeigte, hatte sich Mia während unserer Kontaktabstinenz nicht verändert. Gleich wie in früheren Zeiten ist Mia äusserst ambitioniert und streng zu sich selbst. Mia ist ein Mensch, dem gut nie gut genug ist. Mia ist erfolgreich. Mia hat einen makellosen, gut trainierten Körper. Mia ist seriös. Mia ist der Erfolg in Person. Wäre Mia eine Romanfigur wäre sie die heldenhafte Agentin, die die Welt immer wieder aufs Neue retten würde.
Mia sass also bei mir im Garten und wir unterhielten uns über unsere völlig unterschiedlichen Lebensentwürfe. Dabei erwähnte ich beiläufig die BIA-Waage, welche ich vor einiger Zeit für meine Praxis angeschafft habe. Mia zeigte grosses Interesse am Thema, da sie als ambitionierte Sportlerin wissen wollte, aus wieviel Prozent Muskel- und Fettmasse ihr Körper besteht. Ich bot ihr an, eine Messung durchzuführen und scherzte, dass das Resultat in ihrem Fall nur hervorragend sein könne. Aufgrund ihrer Lebensweise und ihrer optischen Erscheinung ging ich davon aus, dass ihr Körper aus einem hohen Muskel- und einem tiefen Fettanteil besteht. Doch weit gefehlt!
Trotz des athletischen Körperbaus und der gesunden Ernährung zeigte die Auswertungssoftware ein für Mia niederschmetterndes Resultat. Das technische Gerät attestierte meiner Kollegin einen übergewichtigen Körpertyp. Für die körperbewusste Kämpferin brach kurzzeitig eine Welt zusammen. Wie konnte dieses unerwartete Resultat zustande kommen und wie ist es einzuordnen?
Die Ernährungstherapie arbeitet mit verschiedenen Werkzeugen und damit verbunden Konzepten. Wahrscheinlich am besten bekannt ist der Vergleich von Körpergrösse und -gewicht anhand der Body-Mass-Index-Formel. Die als BMI Abgekürzte Zahl macht eine Aussage über das Gewicht im Vergleich zur Norm. Eine weitere Art zur Einschätzung des Körperbaus ist die Messung des Bauchumfangs. Im Gegensatz zu diesen beiden einfach durchzuführenden Methoden handelt es sich bei der BIA-Messung um ein technisch komplexes Verfahren. So liefert die BIA-Waage eine detaillierte Analyse des Körpers aus welcher neben dem Gewicht Werte wie Fett-, Protein-, Knochen-, Muskelmasse und Wassergehalt hervorgehen. Doch dürfen wir den sich aus diesen Messungen ergebenden, nackten Zahlen trauen, wenn es darum geht, unseren Gesundheits- oder Fitnesszustand einzuschätzen? Wie das Beispiel von Mia zeigt, ist davon aus mehrerlei Gründen abzuraten!
Der BMI wurde im Jahr 1832 zum Zweck des statistischen Vergleichs von Populationen erfunden – nicht zur Diagnose von Unter- Normal- oder Übergewicht. So kann es passieren, dass eine Person, die sich gesund ernährt und viel Sport treibt laut BMI als übergewichtig taxiert wird. Gleiches gilt für die Bauchumfangmessung. Etwas differenzierter ist die Ausgangslage bei der BIA-Messung, die anhand von verschiedenen Faktoren ein ganzheitliches Bild der analysierten Person liefert. Dennoch wird auch bei der BIA-Messung mittels einer Software anhand von verschiedenen Kriterien eine Klassifizierung vorgenommen. Bei den meisten Modellen erfolgt dies dichotom; d.h. die Person, an welcher die Messung vorgenommen wird, wird je Kriterium der einen oder andern Gruppe zugeteilt. So kann es passieren, dass einer überaus sportlichen Person wie Mia vom Algorithmus ein übergewichtiger Körpertyp zugeschrieben wird. In jedem Fall sollte eine Interpretation der Messergebnisse nur dann erfolgen, wenn die Funktionsweise der Auswertungssoftware bekannt ist. Es bietet sich darum an, die Resultate einer BIA-Messung mit einer Fachperson zu besprechen.
Die BIA-Messung von Mia steht stellvertretend für ein wichtiges Paradigma im Umgang mit Klassifizierungen von Körpermerkmalen: Der Respekt einer Person gegenüber gebietet es, eine ganzheitliche Sichtweise einzunehmen und keine Bewertungen allein anhand von technisch ermittelten Zahlen vorzunehmen. Gleiches gilt in einem selbstfürsorglichen Sinne: Ein BMI der nicht den eigenen Glaubenssätzen entspricht oder eine BIA-Messung, die wie bei Mia ein unerwartetes Ergebnis ausweist, ist noch lange kein Grund, uns schlecht oder minderwertig zu fühlen!

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